Interview mit August Jung

August Jung, 1927 geboren, war 40 Jahre als Pastor in verschiedenen Freien evangelischen Gemeinden tätig. In den letzten Jahren hat er mehrere Buchveröffentlichungen zu freikirchengeschichtlichen Themen vorgelegt, die häufig direkt oder indirekt auch Personen oder Aspekte der deutschen „Brüder“-Geschichte berühren. Im folgenden Interview geht er näher auf diese Zusammenhänge und seine Verbindung zur Brüderbewegung ein. Einzelheiten zu seiner Person können Sie auch dem von ihm ausgefüllten bruederbewegung.de-Fragebogen entnehmen.


Forschungshintergrund und -ansatz

Frage: Seit Sie 1990 nach 40-jähriger Tätigkeit als Pastor im Bund Freier evangelischer Gemeinden (FeG) in den Ruhestand gegangen sind, haben Sie zahlreiche freikirchengeschichtliche Arbeiten veröffentlicht. Haben Sie Ihr kirchengeschichtliches Interesse erst spät entdeckt oder hatten Sie erst im Rentenalter die notwendige Muße zu den intensiven Recherchen?

Jung: Ich danke es einer freundlichen Gottesführung, dass ich in der Mitte meines Lebens 10 Jahre lang Prediger der Freien evangelischen Gemeinde Barmen-Unterdörnen sein konnte. Das ist die „Muttergemeinde“ unseres Bundes. Ich fand damals in den sechziger Jahren noch erstaunlich viel Wissen über die Anfänge. Da gab es sogar noch Neunzigjährige, die mir über ihren Bibelunterricht bei Prediger Heinrich Neviandt (1827-1901) erzählten. An schriftlichen Unterlagen gab es jedoch wenig, die waren weithin verstreut, u.a. auch bei Leuten, die kein Verhältnis zu unserer Gemeinde hatten. Immerhin konnte ich einen Anfang eines Archivs machen und nach und nach die besten Stücke aus der Feder unserer Gründerväter da hinein sammeln. Damals, 1968, gestalteten wir auch eine Feier zu Grafes (1818-1869) 150. Geburtstag, die bundesweite Beachtung fand. Damit begann überhaupt die zweite Phase der Bemühung um unsere Geschichte. Die erste Phase war 1933 mit Walter Hermes’ (1877-1935) großartiger Grafe-Biografie zu Ende gegangen. Dann kam der Krieg, danach die Sammlung der verstreuten Gläubigen und der Wiederaufbau zerstörter Gemeindehäuser, wo niemand Zeit für Geschichte fand. Die erwähnte Grafe-Feier setzte eine neue Beschäftigung mit unserer Geschichte in Gang. Ich schrieb Aufsätze im Gärtner [inzwischen Christsein Heute] und hielt Vorträge hin und her in Gemeinden. Aber zu einer gründlichen Arbeit im Sinn von Forschung blieb keine Zeit. Das darf ich jetzt im Ruhestand nachholen. Gott sei Dank!

Frage: Einen Schwerpunkt haben Sie bei Ihrer Forschung auf die „Brüder“-Geschichte gelegt. Was ist oder war denn Ihr persönlicher Bezug zur Brüderbewegung? Welche Gruppen und Personen haben Sie persönlich erlebt?

Jung: Man nennt mich einen „Outsider“. Das ist nicht ganz richtig. Immerhin bin ich 1945 in der damaligen BfC-Gemeinde Manderbach gelegentlich einer Evangelisation zum verbindlichen Glauben an Jesus Christus gekommen. Vorher habe ich dort die Sonntagschule besucht, wie auch diejenige der Kirchlichen Gemeinschaft. Dort in der „Gemeinschaft“, wie man sie nannte, predigten oft Prediger der Freien evangelischen Gemeinden. Damals gingen wir als junge Menschen überall dahin, wo geistliches Leben war. Konfessionelles Denken war uns fremd. Überdies war unser kirchliches Elternhaus eine Begegnungsstätte mit den leitenden Brüdern der „Versammlung“. Ähnlich ist es ja heute noch. Wenn ich als inzwischen bekennender Freigemeindler in unser Elternhaus zurückkehre, freue ich mich über meine leiblichen Angehörigen, die alle zur „Versammlung“ gehören. Vielleicht liegt hier auch meine „distanzierte Sympathie“ begründet, die übrigens besser beobachten kann, als betriebsblinde „Insider“ es vermögen.

Frage: Interessiert sich die Brüderbewegung selber nicht genug für ihre Vergangenheit, dass ihr ein FeG-Pastor i.R. „Nachhilfe“ in ihrer eigenen Geschichte geben muss?

Jung: Das Wort von der „Nachhilfe“ möchte ich abweisen. Was mich bewegt, über „Brüder“-Geschichte zu schreiben, ist einfach die Freude des Gefundenhabens, ähnlich wie in Lukas 15: „Freuet euch mit mir“. Manches ist mir richtig „zugefallen“, wiewohl ich es gar nicht gesucht habe. Das wollte ich gerne weitergeben, damit auch die „Brüder“ sich mitfreuen könnten. Ob sie sich dann auch wirklich mitfreuen und ob sie meine Forschungsergebnisse auch genügend rezipieren, dessen bin ich mir manchmal nicht sicher.

Frage: Im Fokus Ihrer Untersuchungen stehen v.a. Figuren, die im kirchengeschichtlichen Rückblick ansonsten eher im Schatten stehen: Johannes Rubanowitschs Rolle im Streit mit Friedrich Heitmüller wurde bislang einseitig überliefert; Julius Anton von Poseck wird trotz seines anfänglich elementaren Einflusses in der deutschen Brüderbewegung heute in der Wahrnehmung deutlich von Carl Brockhaus überlagert; seine Rolle wird teilweise geradezu ausgeblendet. Was reizt Sie an diesen vergessenen Figuren, dass Sie ihr Bild in der Geschichte zurechtrücken wollen und ihnen ein Denkmal setzen wollen?

Jung: „Figuren“ wie J.A. von Poseck und I.J. Rubanowitsch habe ich mir nicht mit der Absicht ausgesucht, ihnen ein Denkmal zu setzen – das „Denkmal“ ist eher ein Abfallprodukt. Je mehr ich mich mit Geschichte befasste, umso mehr bemerkte ich etwas Eigenartiges: Wenn Sieger die Geschichte schreiben, sind immer die Verlierer schuld. Was haben wir in unseren Überlieferungen anderes als „Siegergeschichten“? So ist es bei Brockhaus, so ist es bei Heitmüller. Als ich dann zunehmend entdeckte, dass „Verlierer“ ja auch eine Geschichte, mitunter eine sehr reizvolle Geschichte haben, fand ich mich aufgefordert, deren „Rest“ hinzuzufügen, damit ein Ganzes daraus werde. Übrigens bin ich zurzeit dabei, irgendwo einen dritten „Rest“ zwecks Ganzheit hinzuzufügen. Dann ergibt sich wie von selbst, dass die „Sieger“ etwas von ihrem Glanz zugunsten der „Verlierer“ abgeben müssen. Aber das liegt dann nicht an mir. Das liegt an der wiedergewonnenen Ganzheit. Was von Poseck betrifft, möchte ich doch noch sagen, dass Willem Ouweneels Unkenntnis in der Aussprache zu seinem Darby-Vortrag 2000 in Wiedenest mich geradezu aufforderte, dem ein Ende zu machen. Ich hatte ihn nämlich nach von Posecks Christus oder Park-Street gefragt. Und in seiner Antwort stutzte er plötzlich und fragte die Brüder auf dem Podium: „Von Poseck hat doch Park Street verteidigt, oder nicht? Oder habe ich mich jetzt gerade geirrt?“ – und die Brüder hinter ihm antworteten: „Ja, verteidigt“, bis einer dazwischenrief: „Er war die Ausnahme!“ Diese Peinlichkeit wurde mir zum Auftrag, von Posecks „Rest“ noch zu Brockhaus hinzuzufügen. 


Forschungsergebnisse

Frage: Gerade bezüglich der Rolle Julius Anton von Posecks erweitern bzw. korrigieren Sie den bisherigen Wissensstand erheblich. Was sind in diesem Zusammenhang Ihre wesentlichen neuen Erkenntnisse?

Jung: Genau! Von Posecks Geschichte ist eine typische „Verlierergeschichte“. Er wurde bewusst vergessen, weil er sich doch gegen Ende seines Lebens in Christus oder Park-Street gegen Darby gestellt hatte. Dann zählte nicht mehr, dass er bereits zwei Jahre vor Brockhaus in intensivem Schriftverkehr mit Darby gewesen war, dass er dessen Schriften übersetzt und verbreitet und ihn in ganz Westdeutschland bekannt gemacht hatte. Von Posecks Platz nahm in der Überlieferung der „Brüder“ der eher unbedeutende Thorens ein, als sei er es gewesen, der Darbys Lehren nach Wuppertal gebracht habe. Letzthin staunte ich: Gelegentlich eines Jubiläums wusste der Festredner über von Poseck nicht mehr zu sagen, als was schon immer bei Jordy über ihn zu lesen war. Da dachte ich: Irgendwie liegt über von Poseck – trotz Übersetzung des NT, trotz seines berühmten Liedes und trotz einer Biografie über ihn – immer noch der Mantel des Vergessens.

Neue Erkenntnisse? Nun, das Erstgeburtsrecht an exklusiven Versammlungen gebührt von Poseck. Seine „Düsseldorfer“ Versammlungen vom Jülicher Land über Hilden bis ins Wuppertal existierten bereits zu der Zeit, als die späteren „Elberfelder“ Exklusiven noch im Brüderverein mitarbeiteten. Das ist historisch unzweifelhaft. Manchmal frage ich mich doch, ich habe es eben angedeutet, ob diese neuen Erkenntnisse auch wirklich schon bei den „Brüdern“ angekommen sind.

Frage: Wäre aus Ihrer Sicht eine dauerhafte Zusammenarbeit zwischen Julius Anton von Poseck und Carl Brockhaus überhaupt denkbar gewesen? Was hat die beiden auseinander gebracht?

Jung: Dauerhafte Zusammenarbeit – wohl kaum. Die beiden hatten verschiedene „Blutgruppen“ wie Bildungsstand, Charakter usw. Darby hat das bei den Übersetzungsarbeiten am NT 1854/55 sehr schnell entdeckt und von Poseck nach England zu seinesgleichen weggeworben. Warum aber gereifte Christen mitunter schlecht miteinander auskommen, wiewohl sie doch „aus Glauben“ leben, das ist schwierig zu beantworten. Da müsste man einen Seelsorger oder einen Psychologen fragen.

Frage: Sie treiben Ihre kirchengeschichtlichen Studien „nicht nur aus Entdeckerfreude, sondern vor allem aus der gewonnenen Erkenntnis, daß die Geschichte für spätere Zeiten lehrreich ist“, voran (Vom Kampf der Väter, S. 11). Wenn Sie Ihre gesamte Forschungstätigkeit im Überblick sehen – was sind die wichtigsten Lehren, die man daraus für heute ziehen kann?

Jung: Wenn es denn wirklich möglich wäre und nicht jede Generation ihre eigenen Fehler machen muss: Zeitig genug Lehrfragen abklären, theologisch verkleidete Machtspiele ihres Zaubers entkleiden, Lehrnuancen auf mögliche Folgewirkungen bedenken, starken Persönlichkeiten Mitarbeiter zur Seite geben und sie bruderschaftlich einbinden, zweitrangige Fragen nicht zum Trennungsgrund machen, demokratische Entscheidungen nicht schon für Weisungen des Heiligen Geistes halten, kleine Schritte zueinander üben.


Verhältnis zwischen freikirchlichen Gruppierungen

Frage: Ihr Buch Als die Väter noch Freunde waren beleuchtet die gemeinsamen Wurzeln verschiedener freikirchlicher Gruppen, vor allem im „Evangelischen Brüderverein“. Später entwickelten sich die Führungsfiguren auseinander. Ging es da immer nur um theologische Streitigkeiten oder waren auch persönliche Animositäten im Spiel? Hätten die Eskalationen der Positionen und die Trennungen vermieden werden können?

Jung: Um konkret zu werden: Was schließlich Grafe und Brockhaus trennte, waren zum geringsten Teil persönliche Animositäten, Standesunterschiede, Gemeinde- und Heiligungsfragen. Zwar wird das gerne immer noch so gesehen. Im tiefsten Grund war es Darbys Verfalls- und Absonderungstheorie. Anders hätte Brockhaus ja auch eine Freie evangelische Gemeinde gründen können, die es 1853 noch nicht gab. Brockhaus trennte sich ja nicht nur vom Brüderverein Grafes, er trennte sich auch von baptistischen und kirchlichen Brüdern, ja von allen, die „verfallenen Systemen“ angehörten. Ich schätze, die immer noch zu vernehmende Begründung wegen Heiligungs- und Gemeindefragen ist ein Feigenblatt, das die Blöße des Exklusivismus verdecken soll. Der Exklusivismus kann nicht vermitteln und kooperieren; er kann nur trennen.

Frage: Ist die existierende Vielfalt an Gemeindeformen denn nun positiv (große Auswahl, verschiedene Schwerpunktsetzung möglich), oder muss man Ihrer Ansicht nach eher das Ideal der „einen richtigen“ Gemeinde verfolgen?

Jung: Zum Glück haben wir im NT nicht nur die Korinther-Gemeinde mit ihrer charismatischen Struktur. Wir haben im Timotheus- und Titusbrief auch richtige „Amtsträger“. Beide „Gemeindetypen“ haben ihre Verheißungen wie auch ihre Gefahren. Wie schnell wird eine charismatische Persönlichkeit zum weltweiten Bischof und ein Bischof zum Laien! Wo der Geist Gottes nicht diesen und jenen regiert, hilft alle Berufung auf die Bibel nichts. Und was die Frage nach der „richtigen Gemeinde“ betrifft: Vor einer „richtigen Gemeinde“ warne ich. Sie bestünde ja aus lauter „Richtigen“, d.h. Rechthabern, die sich bald in die Haare kämen. Wohl aber haben wir die Pflicht, dem himmlischen Ideal einer richtigen Gemeinde demütig nachzustreben. Das betrifft dann nicht die Gemeindeform, sondern das Leben aller Gemeindeglieder.

Frage: Trotz des gemeinsamen Startpunktes im „Evangelischen Brüderverein“ lieferten sich mehrere Prediger der Freien evangelischen Gemeinden zwischen 1911 und 1915 eine teilweise gepfefferte theologische Auseinandersetzung mit der „Christlichen Versammlung“ unter Führung von Rudolf Brockhaus (sog. „Schriftenstreit“). Wie ist heute das Verhältnis der Freien evangelischen Gemeinden zu den verschiedenen Gruppierungen der deutschen Brüderbewegung?

Jung: Der „Schriftenstreit“ war eine fruchtlose Auseinandersetzung. Ja, wenn es noch Konsensgespräche gewesen wären: Lasst ihr von eurer Verfalls- und Absonderungstheorie etwas ab, dann lassen wir von unserem freiheitlichen Independentismus etwas ab! So war es ja nicht und so wird es nie sein. Und was nun heute betrifft, wo „Brüder“ mit Brüdern brüderlich verkehren? Das ist meine Trauer, dass es nicht brüderliche Gespräche waren, die uns zueinander gebracht haben, sondern dass es die christusfeindliche Staatsmacht war, die uns „belehren“ musste, dass wir alle Brüder sind. Meine Lehre aus dieser jüngsten Geschichte ist: Ich will nicht warten, bis der Staat mal wieder Druck macht. Ich fange jetzt schon an, wie Joseph damals: „Ich suche meine Brüder“ (1. Mose 37,16).

Frage: In einem Vortrag zum 150-jährigen Jubiläum der Brüdergemeinde in Manderbach formulierten Sie 2003 die Aufforderung, Ihren Buchtitel Als die Väter noch Freunde waren umzugestalten in das „noch wichtigere“ Motto „Damit die Enkel wieder Freunde werden“. Wie kann dieser Brückenschlag zwischen getrennten freikirchlichen Gruppen gelingen? Wie weit ist er realistisch?

Damit hängt eine andere Frage zusammen: Sie bezeichnen Julius Anton von Poseck als Person „zwischen den Zeiten“ (Julius Anton von Poseck, S. 150), der „das heutige brüderliche Verhältnis zwischen den verschiedenen evangelikalen Gruppierungen“ (so Jordy, in Poseck, S. 5) vorwegnimmt. Ich habe manchmal den Eindruck, dass heute einerseits institutionell bereits eine erstaunliche Zusammenarbeit und intensive Austauschmöglichkeiten zwischen verschiedenen Gruppen und Gemeinden bestehen, aber andererseits noch stärker individuell die Gruppenzugehörigkeit an Bedeutung verliert. Zum Beispiel gehen viele bei einem Ortswechsel nicht mehr automatisch in die „gewohnte Richtung“, sondern suchen vor Ort die ansprechendste Gemeinde. Verliert die Tradition und geprägte Identität als Orientierungspunkt an Bedeutung?

Jung: Genau das liegt mir am Herzen: Damit die Enkel wieder Freunde werden! Ich glaube, den Überblick zu haben, dass es verhältnismäßig geringe Dinge sind, die uns, die Freien evangelischen Gemeinden, von Freien Brüderkreisen und ähnlichen Gruppen unterscheiden. Schließlich waren wir ja schon einmal zusammen – im Brüderverein –, ehe der Exklusivismus Darbys kam. Um an Joseph zu erinnern: Er hat nicht gesagt: „Ich suche meine Neffen.“ Er hat gesagt: „Ich suche meine Brüder.“ Und die eben Genannten betrachte ich als meine nächsten Anverwandten! Wenn ich heute in meinem Heimatdorf Manderbach wohnen würde, dann würde ich keine Freie evangelische Gemeinde gründen. Ich würde mich der „Christlichen Versammlung Manderbach“ anschließen, falls sie mich akzeptieren. Da sehe ich „Fleisch von meinem Fleisch und Geist von meinem Geist“! So etwa sieht mein „Brückenschlag“ aus. Doch meine „Brücke“ ist nur schwach und schmal. Ich sähe gerne, wenn auch Leitungsbrüder öfter hinüber und herüber gingen. Um 1912 gab es ja schon einmal erste zagende Gespräche zwischen unseren Leuten und Vertretern der „offenen Brüder“. Das ist fast 100 Jahre her. Ob da geschichtliche Weichenstellungen versäumt worden sind?

Frage: Aus der Außenperspektive formulieren Sie im bruederbewegung.de-Fragebogen: „Und was ist mit dem Brückenschlag zwischen ‚offenen‘ und ‚geschlossenen‘ Brüdern – so fragt einer, der weder dort noch dort steht“. Ist vielleicht sogar die Annäherung zwischen geschlossenen und offenen Brüdern noch schwieriger als etwa zwischen offenen Brüdern und verschiedenen Freikirchen?

Jung: Das ist eine blutende Wunde am Leib Christi, das Verhältnis zwischen „offenen“ und „geschlossenen“ Brüdern; und nicht nur zwischen diesen, auch zu uns hin blutet die Wunde. Und was die Wunde bluten macht, ist die unselige Lehre Darbys von Verfall und Absonderung. Sie hat wie keine zweite in der neueren Kirchengeschichte großes Unheil gebracht: Rechthaberei, Trauer, Kummer, Leid, Hass, Zorn, Hader und Parteiungen. Gespräche heilen da nicht. Wo hätten sie je geheilt? Heil schafft nur Buße derer, die Wunden gerissen haben und fortwährend offen halten. Buße aber kann man nicht fordern; sie muss Gott schenken.


Allgemeines Priestertum und theologische Ausbildung

Frage: Sie haben eine umfangreiche theologische Ausbildung genossen und 40 Jahre als Pastor gearbeitet. Brüdergemeinden tun sich traditionell schwer mit dem Amt eines Pastors. Wie verstehen Sie die Aussagen der Bibel: Schließt die Betonung des allgemeinen Priestertums konsequenterweise die Position eines Pastors aus?

Jung: Die Frage nach der theologischen Ausbildung ist gar nicht so schwer, wie es scheint. Wenn ich leitende „Brüder“ sehe, wie sie längst nicht mehr nur Darbys „Gesammelte Werke“, sondern darüber hinaus auch Bücher von kirchlichen und freikirchlichen Theologen studieren, dann ist das ein hoffnungsvoller Anfang. Ein „exklusiver“ Bruder kann und darf so etwas nicht. Ich selber habe als junger Prediger mich viel mit historisch-kritischen Fragen beschäftigt und dabei meine Grenze gefunden, die ich nicht überschreiten will. Die Heilige Schrift ist mir unbedingte Autorität in allem, was sie lehrt und verkündigt. Und mit dem Studium bin ich mit meinen 78 Jahren längst noch nicht fertig.

Frage: Wo sehen Sie Chancen, wo Risiken in der strikten Betonung des allgemeinen Priestertums in Brüdergemeinden?

Jung: Ob allgemeines Priestertum und Amt des Pastors kollidieren? Ja, wenn allgemeines Priestertum gleich allgemeinem Lehrertum und allgemeinem Rednertum wäre – dann ja! Aber das ist es ja nicht. Es gibt in unseren Kreisen ein tradiertes Missverständnis vom allgemeinem Priestertum: Es wird gegen neutestamentliche Charismen ausgespielt. Wie es auch ein Missverständnis ist, wenn man es mit demokratischen Wahlverfahren gleichsetzt. Beides sind völlig verschiedene Ebenen. Luthers allgemeines Priestertum bedeutete: Wir brauchen keine Priester mehr als Vermittler zu Gott. Wir sind Gott-unmittelbar! Über dieses Thema müsste deutlicher geredet werden.

Frage: Welches Amtsverständnis haben Pastoren im Bund Freier evangelischer Gemeinden heute (Alleinunterhalter, Trainer ...)?

Jung: Unser Pastor-Verständnis hat sich, vergleicht man es mit 1900, tatsächlich gewandelt. Früher sah es der Prediger als seine Hauptaufgabe an, zu predigen sowie Hausbesuche zu machen, und hatte damit genug zu tun, wenn er so um die 10 Gemeinden zu betreuen hatte. Heute ist der Pastor zunehmend Pastor einer Gemeinde, selten von zwei, hoffentlich nicht von drei Gemeinden. Als Ortsansässiger kann er sich mehr um die Einzelnen kümmern wie auch um gemeindliche Aktivitäten, wobei er viele Mitarbeiter zu gewinnen sucht, von denen ich oft höre, dass sie beruflich bis obenhin ausgelastet sind. Wenn der Pastor hier motivierend und seelsorgerisch wirkt, dann ist das so in Ordnung. Das mit dem „Alleinunterhalter“ wäre schlecht. Es wäre auch ein schlechtes Zeichen für den geistlichen Zustand der Gemeinde. Beides hängt doch zusammen.

Frage: Brüdergemeinden scheuen größtenteils auch vor einer theologischen Ausbildung von Vollzeitlern zurück; betont wird die Notwendigkeit des persönlichen Bibelstudiums aller Gläubigen. Zudem soll die Herausbildung einer „Priesterkaste“ vermieden werden. Plädieren Sie aus Ihrer Erfahrung für ein wissenschaftliches Studium der Theologie? Welche Chancen, welche Risiken bietet es?

Jung: Persönliches Bibelstudium ist gut und richtig und nützlich. Aber das macht nicht zu einem „Lehrer“ und „Leiter“. Diese sind Charismen – und die wollen erst recht gebildet und ausgebildet werden. Warum sollten Bibelschulen und theologische Seminare dazu nicht nützlich sein? Ein wissenschaftliches Studium an einer staatlichen Universität mag ich nicht empfehlen. Es ist auch nicht nötig. Freikirchliche Seminare sind wissenschaftlich auf demselben Stand und haben, so wie ich sie kenne, keinen Knick im Bibelverständnis. Die Angst vor einer „Priesterkaste“ ist unbegründet, solange die Leitungsbrüder, wir nennen sie „Älteste“, wirklich ihres „Amtes“ walten. Dann nämlich ist der Pastor immer nur einer unter anderen, manche meinen auch: Erster unter seinesgleichen. Haben die „Brüder“ mittlerweile nicht auch schon Vollzeitliche? Um Namen sollte man nicht streiten.

Frage: Eine Abschlussfrage: Im bruederbewegung.de-Fragebogen haben Sie als besondere Erfahrung mit Gott angegeben: „Kriegsgefangenenlager Remagen, Ostergottesdienst, Berufung zum Dienst als Prediger“. Möchten Sie vielleicht ein wenig näher auf dieses Erlebnis eingehen?

Jung: Meine geistliche Biografie hat das Anfangsdatum 1. April 1945, Ostergottesdienst im amerikanischen Kriegsgefangenenlager in Remagen am Rhein. Damals hat es in mir gebetet: „Gott, wenn ich hier rauskomme, dann will ich dein Diener sein!“ Das konnte ich so sagen, weil ich das biblische Glaubensgut von Kind an beherzigt habe. Es brauchte noch das persönlich-verbindliche Festmachen, und das geschah gelegentlich eines seelsorgerlichen Gesprächs mit dem Evangelisten Albert Werkshage am Donnerstag, dem 22. November 1945, in der BfC-Gemeinde in Manderbach. Dass es dann nicht zum kirchlichen Theologiestudium kam, wie unser Religionslehrer Pfarrer Herfurth vorschlug, lag an der kirchlich offenen Situation unseres Elternhauses. Da war Heinrich Wiesemann vom neu eröffneten Predigerseminar (1946) in Ewersbach bei uns zu Gast und lud mich zum Kennenlernen ein. Dort bin ich dann hängen geblieben, von 1947 bis 1951. Erst über diesem Weg habe ich die Freien evangelischen Gemeinden kennen gelernt. Und das war gut so. Denn es gibt nicht viele, die „dreisprachig“ sind.


Die Fragen stellte Ulrich Müller. Das Interview wurde im Januar 2006 geführt.
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