Rezension


Mark R. Stevenson:
Die Brüder und die Lehren der Gnade
Wie stand die
Brüderbewegung des 19. Jahrhunderts zur calvinistischen Heilslehre?
Bielefeld (CLV) 2019
476 Seiten. ISBN 978-3-86699-391-4. € 16,90


Seit einigen Jahrzehnten erlebt der Calvinismus in konservativen evangelikalen Kreisen eine erstaunliche Renaissance. Mit seiner Betonung der Souveränität Gottes und solider biblischer Belehrung stellt er für viele offenbar ein geeignetes Gegenmittel gegen evangelikale Verflachung, Verweltlichung, bedürfnisorientierte Verkündigung usw. dar. Auch Teile der Brüderbewegung haben sich diesem Trend angeschlossen – hierzulande etwa an der Propagierung von Autoren wie Arthur W. Pink, R. C. Sproul, John Piper, John MacArthur oder Paul Washer durch der Brüderbewegung nahestehende Verlage und Personen zu erkennen.1

Im angelsächsischen Raum regte sich schon ab den 1990er Jahren Widerstand gegen diese Entwicklung; bekannte „offene Brüder“ wie David Gooding, John F. Parkinson, J. B. Nicholson jun., Dave Hunt oder David Dunlap kritisierten den Calvinismus in teils drastischer Form.2 Diese Auseinandersetzungen waren einer der Gründe, die den Autor des vorliegenden Buches dazu bewogen, sich im Rahmen einer Dissertation mit der Frage zu beschäftigen, wie die Väter der Brüderbewegung zum Calvinismus standen.3

Stevensons Arbeit, zuerst 2017 beim amerikanischen Wissenschaftsverlag Wipf & Stock erschienen, beginnt mit einer Einführung in Forschungsstand, Thema, Quellen und Methoden (23–44). Es folgen zwei Kapitel über die historische Entwicklung der calvinistischen Heilslehre vom 17. bis zum 19. Jahrhundert (45–123), bevor sich der Verfasser seinem eigentlichen Hauptthema zuwendet. In den Kapiteln 4–6 untersucht er, ob und wie sich die ersten drei der sog. „Fünf Punkte des Calvinismus“ (völlige Verderbtheit, bedingungslose Erwählung, begrenzte Sühne) in den Schriften der „Brüder“ des 19. Jahrhunderts wiederfinden (125–330). Jedem Autor wird dabei jeweils ein eigener Abschnitt gewidmet; herangezogen werden (chronologisch sortiert) Harris, Bellett, Groves, Darby, Hall, Chapman, Craik, Müller, Soltau, Howard, Newton, Miller, Snell, H. Groves, Trotter, Mackintosh, Dyer, Kelly, Stanley, Ross, Lincoln, Bevan, Dennett, Grant, Caldwell, Munro, Moorhouse, Anderson, Cutting, Marshall, Ritchie und Case. Kapitel 7 befasst sich mit den Themen Glaube, Buße und Heilsgewissheit (331–410), zunächst in der calvinistischen und puritanischen Tradition, dann bei den calvinistischen Kritikern der „Brüder“ (u.a. Croskery, Reid, Dabney) und schließlich bei den „Brüdern“ selbst (Darby, Soltau, Mackintosh, Kelly, Ross, Dennett, Grant, Caldwell, Campbell, Cutting, Rea, Marshall). Eine zusammenfassende Bewertung rundet die Darlegungen ab (411–425).

Stevensons These ist, „dass bei den Brüdern des 19. Jahrhunderts eine calvinistische Soteriologie die normative Position darstellte“ (195). Ihm ist bewusst, dass die „Brüder“ sich selbst nicht als Calvinisten bezeichneten und den Calvinismus (ebenso wie den Arminianismus) für ein „menschliches System“ mit biblisch nicht begründbaren Elementen hielten (413); anhand der untersuchten Quellen kann er jedoch eindeutig nachweisen, dass das Heilsverständnis der meisten „Brüder“ dem Calvinismus wesentlich näher stand als dem Arminianismus: Sie betonten den „völligen Ruin des Menschen“ und „bestritten konsequent, dass gefallene Menschen einen ‚freien Willen‘ besitzen“ (411; Punkt 1 des Calvinismus); sie „vertraten die Lehre von der bedingungslosen Erwählung, gegründet auf Gottes souveränen Willen und nicht auf den vorhergesehenen Glauben des Einzelnen“ (412; Punkt 2); und sie „lehnten […] es durchweg ab, dass Christus am Kreuz die Sünden der Ungläubigen getragen habe – ein Kennzeichen der arminianischen Position“ (328; Punkt 3). Insofern erscheint dem Autor „die Verwendung des Adjektivs calvinistisch durchaus angemessen, um die Soteriologie der Brüder zu charakterisieren“ (414).

Stevenson legt Wert auf die Feststellung, dass der Calvinismus theologiegeschichtlich kein einheitliches Phänomen war, sondern in verschiedenen Abstufungen vorkam – vom „gemäßigten“ über den „strikten“ und den „Hoch-“ bis hin zum „Hyper-Calvinismus“ (84f.). Die „Brüder“ ordnet er „zwischen striktem und gemäßigtem Calvinismus“ ein (105). Dass sie die doppelte Prädestination ablehnten (also die Vorherbestimmung zum Heil und zur Verdammnis), die von Kritikern – und auch von den „Brüdern“ selbst – oft als wesentliches Merkmal des Calvinismus angesehen wurde (53, 74, 92, 95, 204, 241, 274, 416), stellt für Stevenson daher kein Problem dar, da diese Lehre ihm zufolge nur im „Hoch-“ und „Hyper-Calvinismus“ vertreten wurde (84f., 242, 263).

Einzigartig war nach Stevenson die Position der „Brüder“ zur Reichweite des Erlösungswerks. Indem sie zwischen universaler Sühnung (propitiation) und partikularer Stellvertretung (substitution) unterschieden (typologisch vorgeschattet durch die beiden Böcke am großen Versöhnungstag; 3Mo 16), gelang es ihnen, scheinbar widersprüchliche Bibeltexte miteinander zu vereinbaren, „die in ihrer Ausrichtung entweder universal (z.B. 1Jo 2,2) oder partikular (z.B. Eph 5,25) waren, ohne dabei die Stoßkraft weder des einen noch des anderen Aspekts abzuschwächen, worin – ihrer Meinung nach – der Fehler sowohl der calvinistischen als auch der arminianischen Auslegung bestand“ (329). Stevenson sieht darin einen „originale[n] Beitrag“ Darbys zur Theologiegeschichte, „auch wenn nur wenige außerhalb der Brüderbewegung dies zur Kenntnis genommen haben“ (300, Anm. 1107). Wegen ihrer „partikulare[n] Elemente“ (330) sei diese Sichtweise aber auf jeden Fall dem „calvinistische[n] Lager“ zuzuordnen (329).

Der aus Kanada stammende Verfasser, der seit 20 Jahren am Emmaus Bible College in Dubuque (Iowa) lehrt, hat eine sorgfältig recherchierte, detailliert belegte und stringent aufgebaute Arbeit vorgelegt. Ob man sein Anliegen teilt, dass die „anti-calvinistische Stimmung, die einige Gruppen zeitgenössischer Brüder (und anderer Evangelikaler) prägt“, dringend zu korrigieren sei (44), hängt von der persönlichen Haltung zum Calvinismus ab. Der Rezensent muss bekennen, dass er sich am ehesten in den Positionen des schottischen Evangelisten Alexander Marshall (1846–1928) wiederfindet, der bei Stevenson immer wieder als störende „Ausnahme“ im allgemeinen calvinistischen Konsens der „Brüder“ erscheint (185, 195, 274, 276, 328, 413). Marshall legte großen Nachdruck auf die Verantwortung des Menschen, das Heil anzunehmen, und hielt den Calvinismus für „eines der Haupthindernisse für die Verbreitung des Evangeliums“ (268). Seine Ansichten über Buße, Glauben und Heilsgewissheit nehmen auf frappierende Weise zentrale Erkenntnisse der heutigen Free Grace Theology vorweg.4

Stevenson konzentriert sich auf die Soteriologie. Hätte er andere Bereiche der Theologie in den Blick genommen (z.B. Ekklesiologie oder Eschatologie), wären die Unterschiede zwischen Calvinismus und „Brüderlehre“ zweifellos bedeutend größer ausgefallen. Tatsächlich ist ja der für die Brüderbewegung so charakteristische Dispensationalismus mit seiner Unterscheidung zwischen Israel und der Gemeinde, seiner Erwartung eines buchstäblichen Tausendjährigen Reiches usw. in den letzten Jahrzehnten gerade von reformierter Seite am heftigsten angegriffen worden. Ob klassische Calvinisten dem von Stevenson und anderen5 offenbar angestrebten Schulterschluss zwischen „Brüdern“ und Reformierten uneingeschränkte Begeisterung entgegenbringen würden, muss daher bezweifelt werden.

Die deutsche Übersetzung des Buches (von Alois Wagner) liest sich im Großen und Ganzen flüssig. Gegenüber der Originalausgabe wurden ca. 120 „Anmerkungen des Übersetzers“ und ca. 220 „Anmerkungen des Herausgebers“ hinzugefügt (u.a. Übersetzungen von Buchtiteln, historische Hintergrundinformationen, Worterklärungen, weiterführende Hinweise), was zusammen mit der größeren Schrift und dem kleineren Format dazu geführt hat, dass die deutsche Fassung über 150 Seiten mehr enthält als die englische. Layout und Typografie sind ansprechend (wenn auch etwas weniger bibliophil als in der Originalausgabe), die sachlich-schlichte Umschlaggestaltung unterstreicht die Seriosität des Inhalts.

Anmerkungen:

[1] Vgl. meine Einleitung in die Artikelserie „Gefahren der reformierten Theologie“ von George Zeller, Zeit & Schrift 2/2009, S. 18f.

[2] In deutscher Übersetzung liegen vor: John F. Parkinson: Erwählung. Wer, wie und wozu?, Düsseldorf/Steffisburg (CMV/CLKV) 2010; Dave Hunt: Eine Frage der Liebe. Wird Gott im Calvinismus falsch dargestellt?, Wiesenbach (European Missionary Press) 2011.

[3] Vgl. Mark R. Stevenson: „Early Brethren Leaders and the Question of Calvinism“, Brethren Historical Review 6 (2010), S. 2–33, bes. 2–6.

[4] Zur Einführung in die Free Grace Theology vgl. Charles C. Ryrie: Hauptsache gerettet? Was Errettung bedeutet, Dillenburg (CV) 1998; Scott Crawford: „Glaube, Werke und Heilsgewissheit“, Zeit & Schrift 4/2012, S. 12–21.

[5] Es ist sicher kein Zufall, dass die deutsche Übersetzung ausgerechnet beim Verlag CLV erscheint, der bewusst Autoren beider Richtungen verlegt.

Michael Schneider

[auch erschienen in: Zeit & Schrift 6/2019, S. 32–34]


Wissenschaftliche Untersuchungen zur Soteriologie (Lehre vom Erlösungswerk Christi) der Brüderbewegung sind bis zur Veröffentlichung dieses Werkes Mangelware gewesen. Es ist begrüßenswert, dass der Autor seine Dissertation zur Frage, wie die Brüderbewegung des 19. Jahrhunderts zur calvinistischen Heilslehre stand, als Buch veröffentlicht und diese Lücke teilweise gefüllt hat.

Wer dieses Buch liest, wird die enorme Forschungsleistung des Autors, der selbst der Brüderbewegung entstammt, zu würdigen wissen. Stevenson hat eine Fülle von Quellen ausgewertet – allein seine Bibliografie umfasst beindruckende 49 Seiten. Dennoch ist das Buch leicht lesbar und bietet einen interessanten Einblick in das theologische Ringen der „Brüder“ der ersten Stunde.

Nach einer kurzen Einführung (S. 23ff.) zeichnet Stevenson einen historischen Überblick über die calvinistische Heilslehre (S. 45ff.). Er arbeitet in diesem Zusammenhang heraus, dass „die Brüder des 19. Jahrhunderts ohne Ausnahme den Extremen des Hyper-Calvinismus kritisch gegenüber[standen]. Ihre Soteriologie bewegte sich vielmehr zwischen striktem und gemäßigtem Calvinismus“ (S. 104f.).

In seiner Untersuchung zur gefallenen menschlichen Natur im Denken der „Brüder“ (S. 125ff.) kommt der Autor zu dem Ergebnis, dass die „Brüder“ „an einer kraftvollen Sicht von der ‚völligen Verderbtheit des Menschen‘ festgehalten haben“, wenngleich gegen Ende des 19. Jahrhunderts einige „Brüder“ weniger eindeutig calvinistisch oder sogar offen Arminianer waren (S. 195).

Im fünften Kapitel (S. 197ff.) geht Stevenson der Frage nach dem Verhältnis der „Brüder“ zur Prädestinationslehre nach. Er folgert hierbei, dass die „Brüder“ an der bedingungslosen Erwählung, aber auch an der menschlichen Verantwortung festhielten. Gleichermaßen bekräftigten sie die seelsorgerliche Zielrichtung der Erwählungslehre, warnten dagegen vor ihrer offensiven Verkündigung im Rahmen der Evangeliumsverbreitung (S. 275). Auch die Verwerfung des Menschen werde in der Schrift nicht gelehrt, sondern sei das Produkt menschlicher Schlussfolgerung (S. 276).

Die Ansicht der „Brüder“ zur Reichweite des Sühnungswerkes (universal oder partikular) wird in Kapitel 6 untersucht. Hierbei stellt Stevenson eine interessante Besonderheit für die Brüderbewegung fest. Sie hielt sich nicht an die übliche Formel „ausreichend für alle, wirksam für die Erwählten“, sondern unterschied zwischen universaler Sühnung (Christus ist für alle Menschen gestorben) und partikularer Stellvertretung (Christus ist lediglich der Stellvertreter für die Seinen).

Im letzten Forschungskapitel geht der Autor schließlich auf die Sichtweisen der „Brüder“ im Hinblick auf den rettenden Glauben, die Buße sowie die Heilsgewissheit ein (S. 331ff.). In diesem interessanten Kapitel stellt er fest, dass viele „Brüder“ wie Calvin die Heilsgewissheit zu einem wesentlichen Bestandteil des Glaubens machten. Dabei objektivierten einige „Brüder“ die Heilsgewissheit so sehr, dass die Erfahrung irrelevant erschien, weswegen andere „Brüder“ zu einer ausgewogeneren Haltung aufriefen.

Bis auf wenige Ungenauigkeiten (Norman L. Geisler und Dave Hunt werden salopp als Arminianer bezeichnet, S. 30) und fragwürdige Darstellungen (so stellt Stevenson vier unterschiedliche Sichtweisen innerhalb des Calvinismus dar, aber nur eine arminianische Position, S. 83f.) ist das interessante Buch sehr zu empfehlen. Die Hoffnung des Autors, „dass dieses Buch zu einer dringend benötigten Klarstellung beiträgt angesichts der anti-calvinistischen Stimmung“ (S. 44), wird sich sicherlich erfüllen.

Neben dem Forschungsergebnis der engen Beziehung der „Brüder“ zur calvinistischen Heilslehre haben mich folgende Punkte beeindruckt:

1. Es ist erstaunlich, auf welch hohem theologischem Niveau die „Brüder“ mit ihren Zeitgenossen argumentiert und gerungen haben. Diese bibelorientierte, tiefgründige Auseinandersetzung wäre heute mehr denn je zu wünschen.

2. Gleichermaßen ist es bewundernswert, wie (erfolgreich) um Ausgewogenheit gerungen wurde und nicht blindlings einem System gefolgt wurde. Auch dies ist heute mehr denn je angezeigt. Man möchte mit Charles Simeon rufen: „Seid Bibel-Christen, nicht System-Christen“ (S. 97).

3. Besonders bei C. H. Mackintosh hat mich beeindruckt, dass tiefgründige, detailtreue Theologie in verständliche, warmherzige Worte gekleidet werden kann und muss. Zwei Beispiele: „Die Errettung – frei und umsonst wie die Sonnenstrahlen, voll wie der Ozean, ewig feststehend wie der Thron des ewigen Gottes – wird mir gepredigt; nicht als einem der Erwählten, sondern als einem, der vollkommen verloren, schuldig und zugrunde gerichtet ist; und wenn ich diese Errettung angenommen habe, dann habe ich einen schlagenden Beweis für meine Erwählung“ (S. 234). „Wir glauben, dass der Evangelist nicht die Aufgabe hat, Erwählung zu predigen. Paulus predigte nie die Erwählung. Er lehrte die Erwählung, aber er predigte Christus. Daraus ergibt sich der ganze Unterschied“ (S. 235).

Möge das Buch viele Christen anregen, sich mit schwierigen theologischen Fragen allein von der Schrift her zu befassen und ihren Herrn auch im Detail neu lieb zu gewinnen.

Thimo Schnittjer

[auch erschienen in: Bibel und Gemeinde 1/2020, S. 70–72]

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