Geschichte: Deutschland (Teil 1)

Julius Anton von Poseck

Julius Anton von PoseckSchon vor den Anfängen in Elberfeld gab es vereinzelt so genannte Versammlungen in Deutschland. 1843 entstand z.B. unter dem Einfluss von Georg Müller eine Versammlung in Stuttgart, später auch eine in Tübingen.

Einer der bekanntesten Gründer von Versammlungen im Sinne der Brüderbewegung war der Jurist Julius Anton von Poseck, der in Düsseldorf und im Wuppertal seit etwa 1851 Kreise von erweckten Gläubigen sammelte und Texte Darbys ins Deutsche übersetzte. Schon zwei Jahre vor der Versammlung in Elberfeld, die 1853 entstand, wurde hier das Brot gebrochen. Von Poseck ist bis heute durch sein weit verbreitetes Lied „Auf dem Lamm ruht meine Seele“ bekannt. Er ging später nach England und war auch dort führend in der Brüderbewegung tätig.


Carl Brockhaus

Carl BrockhausDen entscheidenden Beitrag für die Entstehung der deutschen Brüderbewegung leistete jedoch Carl Brockhaus. Sein Glaubenseifer sollte für die deutsche Bewegung von großer Bedeutung werden.

Brockhaus war von Beruf Lehrer und seit 1848 im Wuppertal evangelistisch aktiv. Er war damals zunächst Mitarbeiter in einer Gruppe namens „Evangelischer Brüderverein“, die zahlreiche vollzeitliche Evangelisten und Bibel-Kolporteure ausgesandt hatte. Innerhalb des Vereins kam es 1852 zu unterschiedlichen Ansichten über die Frage des Verhältnisses zu den Landeskirchen. Durfte man mit Gläubigen aus der Landeskirche auch außerhalb der verfassten Kirche das Abendmahl feiern? Brockhaus meinte ja und trat deshalb mit einigen Mitarbeitern aus dem Brüderverein aus. Er gründete 1853 in Wuppertal-Elberfeld eine eigene Versammlung. Kurz vorher waren schon einige Christen in Breckerfeld, dem früheren Wohnort von Brockhaus, aus der Kirche ausgetreten.


Ausbreitung der Bewegung

Rudolf Brockhaus, Sohn und Nachfolger von Carl BrockhausVon Elberfeld breitete sich die neue Versammlungsbewegung sehr schnell aus. Im Bergischen Land, im Siegerland, im Dillkreis und im Wittgensteiner Land fanden sich Kreise der „Brüder“ zusammen. Carl Brockhaus reiste unermüdlich durch die deutschen Provinzen. Seine Reisen führten ihn bis nach Schlesien, nach Holland und in die Schweiz. Auch das Vogtland wurde ein Zentrum der Bewegung. Dabei kam es vielerorts zu Anfeindungen und Verfolgungen. Selbst Inhaftierungen musste Brockhaus über sich ergehen lassen. Trotzdem wuchs die Zahl der Anhänger der Brüderbewegung. Um die Wende zum 20. Jahrhundert zählte man in den Versammlungen der Elberfelder Richtung ca. 20.000 Personen.


Besondere Kennzeichen der Brüderbewegung

Was unterschied die neu entstandene Brüderbewegung von bereits bestehenden Kirchen und Gemeinden? Im Folgenden sollen vier Besonderheiten hervorgehoben werden.


Brotbrechen

Von Anfang an stand bei den Brüdergemeinden das so genannte Brotbrechen im Mittelpunkt des Gemeindelebens. Beim Abendmahl begegnet man dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn in besonderer Weise. Durch Anbetungslieder, Gebete und Schriftlesungen erinnert man sich an den stellvertretenden Tod Jesu für die sündigen Menschen. Im Abendmahl soll die Einheit des Leibes Christi sichtbar werden, sodass nur Gläubige zum Brotbrechen eingeladen sind. Hier ist die Mitte des Gemeindelebens, die vollkommenste Verbindung zum Herrn der Gemeinde gegeben. So feiert man in vielen Gemeinden der deutschen Brüderbewegung auch heute noch jeden Sonntag das Abendmahl.


Bruderschaftliche Leitung der Gemeinde

Die Frage nach dem richtigen Verständnis neutestamentlicher Gemeinde bewegte die Brüderbewegung von Anfang an. „Wie sieht Gemeinde Jesu aus?“ – das war die Frage aller Fragen der ersten Gläubigen der Versammlungen.

Eine damit zusammenhängende Frage war die nach der Gemeindeleitung. Brüdergemeinden heißen nicht umsonst „Brüder“-Gemeinden. Darunter versteht man die Überzeugung von der bruderschaftlichen Leitung der Versammlungen. Das so genannte allgemeine Priestertum wird in Brüderversammlungen besonders betont, d.h. es gibt keine ausgeprägten Hierarchien in den Gemeinden. Getreu dem Motto Jesu aus Matthäus 23,8 „Einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder“ möchte man ohne Funktionsträger die Gleichheit der Christen ausdrücken. Deshalb gibt es in den meisten Brüdergemeinden bis heute auch keine Pastoren. Jeder ist gefragt, sich mit seinen Gaben und Fähigkeiten in der Gemeinde einzusetzen. Dabei wird auf das Wirken des Heiligen Geistes besonderer Wert gelegt.


Die Elberfelder Bibel

Erstausgabe des Elberfelder AT 1871Die Brüderbewegung war von Anfang an eine Bibelbewegung. Die Heilige Schrift wird als Wort Gottes, inspiriert und unfehlbar, anerkannt. Um das Wort Gottes grundtextgenau lesen und auslegen zu können, machten sich Carl Brockhaus, John Nelson Darby und Julius Anton von Poseck im Winter 1854 an die Erarbeitung einer neuen, möglichst wortgetreuen Übersetzung, der so genannten Elberfelder Bibel. 1855 konnte die Übersetzung des Neuen Testaments herausgegeben werden, 1871 folgte das Alte Testament. Diese Übersetzung, die seither in vielen Auflagen erschienen ist, hat weit über die Brüderbewegung hinaus Beachtung gefunden und erfreut sich bleibender Beliebtheit in weiten Kreisen. Sie symbolisiert die enge Verbundenheit der Brüderbewegung mit dem unfehlbaren Wort Gottes, das oberste Richtschnur im Gemeindeleben ist.


Die Schriften der Brüderbewegung

Botschafter des Heils in ChristoInnerhalb der Brüderbewegung wurden von Anfang an Bücher, Zeitschriften und Kalender in eigenen Verlagen herausgegeben. Zunächst ist hier die Zeitschrift Botschafter des Heils in Christo (später Die Botschaft) zu nennen, die in vielen Häusern regelmäßig gelesen wurde. Im R. Brockhaus Verlag in Wuppertal erschienen viele Auslegungen zur Bibel, evangelistische Verteilschriften und ein eigenes Liederbuch, die Geistlichen Lieder. Später trat Emil Dönges mit seinem Verlag in Dillenburg hinzu (heute Christliche Verlagsgesellschaft). Besonders die Kinder- und Jugendzeitschriften der Brüderbewegung fanden und finden über die Bewegung hinaus dankbare Leser in vielen Gemeinden und Werken. In 30 Filialen wirken auch die Christlichen Bücherstuben evangelistisch und missionarisch in unserem Land.


Die Entstehung der „offenen Brüder“ in Deutschland

Die 1848 in Großbritannien entstandene Trennung der Brüderbewegung in eine „offene“ und eine „exklusive“ Richtung hatte langfristig auch für Deutschland Konsequenzen. Denn in Deutschland entwickelten sich beide Bewegungen ab Ende des 19. Jahrhunderts parallel.

Missionshaus Bibelschule Wiedenest heuteDie „offene“ Brüderbewegung um Georg Müller in England wirkte insbesondere auf die so genannten Glaubensmissionen, die mit dem Namen Hudson Taylor verbunden sind und heute noch weltweit Tausende von Missionaren auf dem Missionsfeld betreuen.

In Deutschland entstanden erste Versammlungen der „offenen Brüder“ Ende des 19. Jahrhunderts. Ein Beispiel war die Gründung einer solchen Gemeinde durch Tony von Blücher in Berlin, die zunächst durch eine große Kinderarbeit geprägt war. Diese Versammlung der „offenen Brüder“ stand mit der Blankenburger Konferenz der Evangelischen Allianz in engem Kontakt. Aus dieser Verbindung entstand 1905 auch eine Bibelschule, die seit 1919 nach ihrem neuen Standort Wiedenest benannt wurde und weit über die Brüderbewegung hinaus Einfluss gewann.

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Dieser geschichtliche Überblick entstand ursprünglich für eine PowerPoint-Präsentation zur Jubiläumsveranstaltung „150 Jahre Brüderbewegung in Deutschland“ am 18. Oktober 2003 in Dillenburg. Text: Stephan Holthaus unter Mithilfe von Susanne Borner, Gerhard Jordy, Andreas Liese, Ulrich Müller und Michael Schneider.

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